Zwischen Influencer-Kultur und ihren psychischen Folgen
Dass es der Psyche nicht unbedingt förderlich ist, täglich mehrere Stunden durch Instagram, TikTok und Co. zu scrollen, ist kein Geheimnis. Vor allem die Welt der Influencer hat darauf einen Einfluss. Aber was genau passiert beim übermäßigen Social-Media-Konsum eigentlich in unseren Köpfen – und warum? Wir haben darüber mit Influencerin Celina und Therapeutin Sarah gesprochen.
Wie wird man eigentlich Influencerin?

Die 28-jährige Celina aus Heilbronn ist gelernte Hotelfachfrau. Sie landete durch Praktika und Jobs während des anschließenden Tourismusmanagement-Studiums schlussendlich im Social-Media-Marketing. Nach zwei Jahren als Online-Marketing-Managerin und macht sich nun mit eigenen Social-Media-Dienstleistungen selbstständig. Bereits während ihrer Jobs im Marketing merkte sie, dass ihr das Erstellen von Content viel Spaß machte. Doch getraut, auf ihrem eigenen Account ihre Kreativität auszuleben, hatte sie sich lange nicht. „Das lag unter anderem daran, dass ich mir oft viele Gedanken darüber mache, was andere über mich denken könnten. Obwohl ich natürlich weiß, dass viele dieser Gedanken nicht rational sind“, gibt Celina zu. „Ich dachte mir dann aber beim Unterwegssein in Heilbronn immer wieder: Oh man, dieser Ort ist so cool, warum habe ich davon noch nie vorher gehört?”
So beschloss sie letztendlich im Frühjahr 2025, ihre Erlebnisse nun doch öffentlich zu teilen. Ohne zu wissen, ob es die Leute auch wirklich interessierte, begann sie Unternehmungs-Tipps für Heilbronn zu posten. „Auf meinem Account teile ich alles, was ich cool finde – vor allem Tipps für Heilbronn, aber auch für Tagesausflüge oder Urlaube“, erklärt Celina. Der Fokus läge hierbei vor allem auf Restaurants und Cafés, aber auch auf generellen Freizeit-Tipps. Und dafür gab es prompt gutes Feedback: „Als dann nach und nach die positiven Rückmeldungen und lieben Nachrichten kamen, hat mich das mega glücklich gemacht und mir die Motivation gegeben, weiterzumachen.“
Anders sieht der Content einer „klassischen“ Influencerin aus. Der Morgen beginnt mit einem perfekt in Szene gesetzten Frühstück. Danach wird der Zuschauer mitgenommen zu den täglichen Terminen: Gesichtsbehandlung, Nagelstudio, Pilates. Nach diesem anstrengenden Tag darf eine ausgedehnte Shoppingtour natürlich nicht fehlen. Dargestellt wird ein perfektes, romantisiertes Leben. Ein Drahtseilakt zwischen angeblicher Authentizität und ziemlich offensichtlicher Inszenierung. Der vorgelebte Luxus soll gerade so für einen Durchschnittsmenschen erreichbar, greifbar und glaubwürdig erscheinen. Während weibliche Influencerinnen oft einen luxuriösen, ästhetischen, strukturierten Lifestyle anpreisen, so wird von männlichen Influencern sehr häufig der „Hustle-Lifestyle“ vermarktet: Eiserne Disziplin, viel Arbeiten und Geld verdienen, jeden Tag ins Gym gehen und „clean“ Essen.
Erschöpfung, Schlafprobleme, Überforderung: Symptome von Social-Media-Konsum

Diese Botschaft ist gefährlich, weil sie schlicht und ergreifend in den meisten Fällen nicht der Wahrheit entspricht. Es gibt natürlich keine Einheitslösung für Erfolg, Wohlstand und Gesundheit. Gerade für junge Menschen, die sich noch selbst finden, kann die Diskrepanz schlimmer Folgen haben. Und auch Leute, die gerade persönlich eine schwierige Phase durchmachen sind gefährdet. Sie geraten möglicherweise in eine Abwärtsspirale voller Druck, Unzufriedenheit, Selbstzweifeln, bis hin zu Selbstablehnung. Am Ende dieser Spirale wartet im allerschlimmsten Fall eine psychische Erkrankung, wie Depressionen, Essstörungen oder Angststörungen.
Dass diese Folgen real sind, sieht Therapeutin Sarah Pflug aus Bad Rappenau tagtäglich selbst. Bei ihrer Arbeit konzentriert sich sie auf die Nervensystemregulation, um Erschöpfungssystem zu bekämpfen. Social-Media-Inhalte, die ein stark inszeniertes und perfektioniertes Bild von Leben, Körper und Erfolg vermitteln, sieht Sarah deshalb sehr kritisch. „Für ein junges Nervensystem kann das dauerhaft Druck erzeugen – ständig vergleichen zu müssen, nicht zu genügen oder etwas zu verpassen“, sagt sie. „Das kann innerlich Stress und Anspannung auslösen.“
Grundsätzlich sei die Entwicklung des Social-Media-Konsums und deren Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche alarmierend. „Ich beobachte, dass viele junge Menschen kaum noch echte Ruhephasen haben. Das Nervensystem ist durch ständige Reize, Informationen und Vergleiche permanent aktiviert,“ erklärt Sarah. „Für eine gesunde Entwicklung braucht das Nervensystem jedoch auch Pausen, Sicherheit und echte Verbindung im realen Leben.“ Zusammenhänge zwischen psychischen Belastungen und der übermäßigen Nutzung von Social Media sieht Sarah häufig. „Viele Menschen kommen mit Symptomen wie innerer Unruhe, Erschöpfung, Schlafproblemen oder einem Gefühl von Überforderung“, berichtet sie. „Ein übermäßiger Social-Media-Konsum kann das Nervensystem zusätzlich stimulieren und bestehende Belastungen verstärken.
Verantwortungsvoll influencen, geht das eigentlich?
Influencer tragen in der Hinsicht die Verantwortung dafür, welche Art von Content sie posten und welchen Lifestyle sie vermarkten. „Egal, ob man sich selbst jetzt als “Influencer” bezeichnet oder nicht, Fakt ist, dass mit einer großen Reichweite eine gewisse Verantwortung einhergeht“, sagt Celina. Das ständige Zeigen von Luxushotels, teuren Restaurants und einem Leben im Überfluss empfindet sie als problematisch, da die Realität für die allermeisten Menschen ganz anders aussieht: Eine 40-Stunden-Woche, das Jonglieren von Haushalt und sozialen Kontakten, mit maximal 25 bis 30 Urlaubstagen im Jahr. Da sei es unrealistisch jede Woche in einem 5-Sterne-Hotel zu übernachten oder jeden Tag etwas zu unternehmen.
Celina konsumiert selbst Instagram und TikTok Content – nach eigenen Angaben leider oft zu viel. „Ich merke dann nach einer Stunde Scrollen oft richtig, dass ich erschöpft bin. Ein Video über den neuesten Food-Trend hier, ein Shopping-Haul da, dazu Clips über “Dinge, die man in seinen 20ern erlebt haben muss”, erzählt sie. Und gibt zu: „Ich bekomme da oft ein Gefühl von FOMO und vergleiche mich mit Dingen, die absolut unrealistisch sind.“
Ihre eigenen negativen Erfahrungen inspirieren Celina, es auf ihrem Account anders zu machen: Statt ein unerreichbares, perfektes Leben zu zeigen, versucht sie mit ihrem Content Inspiration für reale Freizeitideen zu geben und ihre Zuschauer:innen zu animieren, diese neuen Spots selbst zu entdecken. „Außerdem teile ich in meinen Stories auch mal die ungeschönten Seiten, wenn ich es gerade aufgrund von Stress nicht vor die Tür schaffe oder der Winter mich mental runterzieht. Ich denke, diese Balance ist super wichtig“, sagt Celina.

Grundsätzlich sollte man nicht sofort alle Influencer mit Reichweite in ein und dieselbe Schublade packen, sie verteufeln und ihnen unehrenhafte Absichten unterstellen. Celina ist ein Beispiel dafür, dass es durchaus Content Creator mit guten Absichten gibt. Allerdings sollten wir alle wachsam sein und die Inhalte, die wir konsumieren stets kritisch hinterfragen und nicht sofort alles, was an uns herangetragen wird für bare Münze nehmen.
Das findet übrigens auch Celina: „Mein Tipp: Sobald man merkt, dass einem ein Creator nicht guttut, weil man sich zu sehr vergleicht oder sich nach dem Konsumieren von deren Content einfach nicht gut fühlt – dann lieber nicht folgen“, sagt sie. Sie selbst folge nur Leuten, mit denen sie sich identifizieren kann oder die ihr ein gutes Gefühl geben.
Text: Katharina Pratscher












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