„Ohne Handwerk funktioniert unsere Gesellschaft schlicht nicht“

Ivonne Felsing, Handwerkskammer Heilbronn
Fotoatelier M / Terzo Algeri

Ivonne Felsing über die Bedeutung von Handwerksberufen

Ivonne Felsing ist Friseurmeisterin und arbeitet bei der Handwerkskammer Heilbronn-Franken in der Nachwuchsgewinnung. In Schulen und auf Bildungsmessen informiert sie junge Menschen über Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten im Handwerk. Mit Mitmach-Aktionen schafft sie außerdem praktische Einblicke in verschiedene Gewerke für Schülerinnen und Schüler. Wir haben mit ihr über Zukunftschancen, Klimaberufe und die Attraktivität des Handwerks gesprochen.

Welchen Stellenwert hat das Handwerk heute für Schulabgänger:innen?
Wir beobachten ganz klar einen positiven Trend: Immer mehr junge Menschen interessieren sich wieder für eine Ausbildung im Handwerk. Der Gedanke, dass jeder studieren muss, verliert langsam an Bedeutung. Ich habe den Eindruck, dass ein echtes Umdenken stattfindet. Dabei ist Handwerk wichtiger denn je. Fast alles, was uns im Alltag umgibt, ist von Handwerkerinnen und Handwerkern geschaffen worden – unsere Häuser, Stromleitungen, fließendes warmes Wasser oder Straßen. Ohne Handwerk funktioniert unsere Gesellschaft schlicht nicht. Auch die Klimawende werden wir nur mit dem Handwerk schaffen. Wer installiert Photovoltaikanlagen, baut Wärmepumpen ein, dämmt Gebäude oder fertigt energieeffiziente Fenster? Genau – das sind Handwerker. Trotzdem fehlen uns noch immer viel zu viele Fachkräfte. Zahlreiche Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt und viele Betriebe finden keine Nachfolge. Deshalb zeigen wir jungen Menschen und ihren Eltern, wie attraktiv, lukrativ und zukunftssicher eine Ausbildung mit anschließender Weiterbildung im Handwerk ist.

Zu meiner Schulzeit war noch ganz klar: Mit einem Haupt- oder Realschulabschluss macht man eher eine Ausbildung, mit Abitur geht man studieren. Ist das heute auch noch so?
So pauschal kann man das heute nicht mehr sagen. Eine duale Ausbildung verbindet praktische und theoretische Inhalte. Deshalb braucht es nicht nur handwerkliches Geschick, sondern – je nach Beruf – auch solide fachtheoretische Kenntnisse, etwa in Mathematik oder Physik. Entscheidend ist nicht der Schulabschluss allein, sondern ob die Voraussetzungen zum jeweiligen Wunschberuf passen. Genau wie bei einem Studium sollte man sich informieren, welche Anforderungen der Beruf mitbringt.

Was versteht man unter Klimaberufen?
Klimaberufe sind alle Berufe, die dazu beitragen, unsere Klimaziele zu erreichen. Ohne das Handwerk ist das unmöglich. Ob Photovoltaik montieren und anschließen, Gebäude dämmen oder moderne Heiztechnik installieren – all das leisten Handwerkerinnen und Handwerker. Wenn wir in diesen Berufen keinen Nachwuchs gewinnen, werden wir auch die Klimawende nicht schaffen. Deshalb ist es mir wichtig zu vermitteln, wie sicher und zukunftsorientiert diese Berufe sind.

Hat der Schulabschluss einen Einfluss darauf, wie weit man es im jeweiligen Beruf später einmal bringen kann?
Nein. Für viele Handwerker gibt es kaum etwas Erfüllenderes, als am Ende des Tages zu sehen, was man mit den eigenen Händen geschaffen hat. Ich erlebe oft, wie junge Menschen in ihrem Beruf richtig aufblühen. Nach einer guten Ausbildung und einigen Jahren Berufserfahrung eröffnet der Meistertitel viele Möglichkeiten: Selbstständigkeit, Betriebsleitung, der Betriebswirt im Handwerk oder sogar eine Tätigkeit als Techniklehrkraft an einer Berufsschule. Was viele nicht wissen: Der Handwerksmeister ist im Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) auf Niveau 6 eingestuft und damit formal dem Bachelor gleichwertig. Dadurch kann man anschließend sogar noch ein Studium aufnehmen – zum Beispiel als Zimmerermeister im Bauingenieurwesen oder Holzbau.

In welchen Branchen wird derzeit besonders dringend Nachwuchs gesucht?
Grundsätzlich in allen Gewerken. Besonders groß ist der Fachkräftemangel allerdings im Metallhandwerk. Dort suchen viele Betriebe händeringend Auszubildende und zukünftige Fachkräfte.

Heilbronn positioniert sich aktuell als Hochschul– und KI-Standort der Zukunft. Steht das nicht im Widerspruch zu deinen Bemühungen, junge Leute für das Handwerk zu begeistern?
Überhaupt nicht. Es kann schließlich auch nicht jeder IT-Fachkraft werden – genauso wenig wie jeder Handwerker. Wenn ich Schülerinnen und Schüler nach ihrem Traumberuf frage, höre ich oft: „Irgendwas mit Computern oder IT.“ Fragt man genauer nach, besteht die Erfahrung häufig hauptsächlich aus dem Zocken. Das ist natürlich keine fundierte Berufsorientierung. Deshalb brauchen wir ehrliche Aufklärung darüber, was hinter den einzelnen Berufen tatsächlich steckt.

Was muss sich bei der Berufsorientierung deiner Ansicht nach verbessern?
Berufsorientierung sollte an allen Schularten den gleichen Stellenwert haben. An Gymnasien liegt der Fokus häufig auf dem Studium, dabei zeigen gerade die Zahlen der Studienabbrecher, dass mehr berufliche Orientierung sinnvoll wäre. Außerdem beginnt Berufsorientierung meiner Meinung nach viel zu spät. Oft startet sie erst in Klasse 7 – dabei sollten Kinder deutlich früher verschiedene Berufe kennenlernen dürfen. Ich bin auch kein Fan riesiger Bildungsmessen mit 100 oder 150 Ausstellern. Dort geht es oft eher darum, Werbegeschenke zu sammeln, als sich wirklich zu informieren. Kleine Schulmessen mit wenigen Betrieben und viel Zeit zum Ausprobieren sind deutlich nachhaltiger. Gemeinsam mit der Agentur für Arbeit haben wir in diesem Jahr eine Mitmachmesse organisiert. Sechs Gewerke haben sich vorgestellt und die Schülerinnen und Schüler konnten in einstündigen Workshops ganz praktisch in verschiedene Berufe hineinschnuppern.

Gibt es eigentlich noch die klassischen Rollenbilder bei den Ausbildungsberufen?
Sie werden weniger – aber der Wandel könnte schneller gehen. Auf unserer Mitmachmesse war es anfangs ganz typisch: Die Jungs gingen zu den Karosseriebauern, die Mädchen zum Friseur. Doch schon nach kurzer Zeit wurde alles bunt gemischt. Plötzlich wollten die Mädchen hämmern, schleifen und spachteln, während die Jungs an Übungsköpfen Dauerwellen wickelten und Haare färbten. Im Handwerk spielt das Geschlecht keine Rolle. Entscheidend sind Interesse, Motivation und Freude am Beruf.

Seit einigen Jahren steigt die Zahl der Menschen, die die Schule komplett ohne Abschluss verlassen. Spielt das für eure Arbeit auch eine Rolle?
Auch ihnen möchten wir eine Perspektive geben. Deshalb sind wir nicht nur an Schulen unterwegs, sondern arbeiten auch mit Jugendhäusern und Vereinen zusammen, um möglichst viele junge Menschen zu erreichen. Es gibt viele Gründe, warum Schule manchmal nicht funktioniert – familiäre Probleme, die Pubertät oder andere persönliche Herausforderungen. Das bedeutet aber nicht, dass der Weg ins Berufsleben versperrt ist. Ein Praktikum ist oft der beste Einstieg. Fast jeder Handwerksbetrieb gibt Jugendlichen die Chance, sich praktisch zu beweisen. Wenn Motivation und Einsatz stimmen, sind viele Betriebe sogar bereit, schulische Defizite durch Nachhilfe oder zusätzliche Unterstützung auszugleichen. Im Handwerk zählt nicht nur das Zeugnis – sondern vor allem, was in einem Menschen steckt.

Interview: Florian Deckert | Foto: Fotoatelier M / Terzo Algeri