Talkbox: Wie hat sich ein Jahr Corona auf deine mentale Verfassung ausgewirkt?

Talkbox 2021 - Corona & mentale Gesundheit

Seit März 2020 pendeln wir uns von Maßnahme zu Maßnahme, verbringen viel Zeit zu Hause und geben aufeinander acht. Das ist auch jetzt, ein Jahr später, leider immer noch absolut notwendig. Und natürlich gehen zwölf Monate voll Unsicherheit auch psychisch nicht spurlos an uns allen vorüber. Deshalb wollten wir diesen Monat in unserer Talkbox wissen, wie das vergangene Jahr eure mentale Gesundheit beeinflusst hat.


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Tabea, Göppingen

Talkbox 0421 - Tabea

„Wow, schon ein Jahr mit Corona vorbei. Unglaublich woran ich mich gewöhnen kann und wie schnell der Prozess stattfindet. Meine mentale Verfassung ist mittlerweile zwischen stabil und entspannt. Das Jahr hatte einen großen Spannungsbogen an verschiedenen Gefühlen mit sich gebracht. Zunächst die Fassungslosigkeit, aber auch Hoffnung, dass die Situation des Lockdowns schnell wieder vorbei sein wird. Bis das Begreifen anfing, einen Teil meiner Selbstständigkeit als Eventmanagerin für unbestimmte Zeit auf Eis zu legen. Existenzängste machten sich breit, Pläne, Träume und Hoffnungen zerplatzten wie eine Seifenblase. Ich fühlte zunächst eine mentale Lähmung und Resignation. Gleichzeitig entstand durch den Stillstand eine unheimliche Kreativität und Flexibilität, die ich in andere Projekte umsetzen konnte. Mit Erfolg!

Eine meiner großen Leidenschaften ist das Tanzen auf Festivals und in Clubs. Ich mag es, von vielen Menschen umgeben zu sein. Das fehlt mir bis heute sehr. Dafür investiere ich mehr Zeit in Yoga, Meditation und die Natur. Das hilft mir enorm, meine innere Balance zu finden und gelassener zu sein. Bestehende zwischenmenschliche Beziehungen intensivieren sich und erreichen ein ganz neues Niveau. Das war und ist eine der schönsten Erfahrungen, die ich in dieser Zeit erleben darf. Geprägt von viel Hilfsbereitschaft und mehr Tiefe und Ehrlichkeit. Ich lerne das zu schätzen, was ich habe und dass nichts selbstverständlich ist.“


Sinem (34), Heilbronn

Talkbox 0421 - Sinem

„Als die Pandemie anfing, war ich alleine im Ausland. Eigentlich hätte ich planmäßig Ende März bei einer Fluggesellschaft angefangen zu arbeiten. In dem Land, in dem ich zu diesem Zeitpunkt war, gab es Ausgangssperren von bis zu vier Tagen am Stück. Knapp sechs Monaten alleine daheim isoliert zu sein hat auch mich persönlich manchmal die Nerven gekostet. Der Alltag daheim war Sport, Netflix und Mandalas malen. Tägliche Video-Telefonie mit der Familie war für mich das Wichtigste. All das hat mich fit gehalten und mich motiviert. Die Entscheidung für einen Job, in dem man nicht in der Nähe der Liebsten sein kann, ist für eine lange Zeit kein Thema mehr für mich. Das Alleinsein und nicht zur Familie und Freunden fliegen zu dürfen, hat mir im Sinne von Gemeinsamkeit die Augen geöffnet und mir auch gezeigt, wie wichtig es ist, die Liebsten bei sich zu haben.

Corona hat mir gezeigt, wie schön das unbeschwerte Leben war, das wir hatten. All das, was so selbstverständlich ist, ist für uns alle momentan unmöglich. Seit meiner Rückkehr im Oktober 2020 halte ich mich im Leben ganz anders fest. Unsere Lebenszufriedenheit hat sich nach all dem gestärkt. Die negativen Auswirkungen, die Corona mit sich bringt, bewältige ich am besten mit meiner Arbeit, Crossfit, Yoga und der Zeit mit der Familie. Und wenn man nicht im Café sitzen kann, dann nehme ich mir meinem Tumbler mit Kaffee von Zuhause mit und gehe mit meiner Mutter im Wald spazieren. Ich versuche, für jedes Problem, das wir im Alltag momentan haben, eine Lösung zu finden und es so zu genießen, dass ich die Lebenszufriedenheit nicht verliere. Ich versuche, das Beste daraus zu machen.“


Lena (36), Eppingen

Talkbox 0421 - Lena

„Ein Jahr Corona geht an keinem spurlos vorüber. Ich bin jemand, der sich oft und gerne mit Freunden und der Familie trifft, gerne ausgeht und verreist. Die massiven Einschränkungen lassen das seit langem nicht mehr zu und das wirkt sich auf jeden Fall auf die mentale Verfassung aus. Geplante Urlaubsreisen wurden storniert, Geburtstage können nicht gefeiert werden, sämtliche sozialen Kontakte sind aufs Minimum heruntergefahren – von Besuchen in Bars, Restaurants oder Clubs ganz zu schweigen. Das alles nicht mehr tun zu können, belastet mich auf jeden Fall. Gleichzeitig bin ich froh, dass bisher alle aus meinem engen Familien- oder Freundeskreis gesund sind und hoffe, dass das auch so bleibt.

Mir hilft es, den Kontakt zu meinen Freunden und meiner Familie soweit wie möglich zu halten und zu pflegen. Ich setze mir kleine Highlights und probiere Neues aus. Seit drei Monaten lerne ich zum Beispiel Spanisch und ich habe viel Spaß daran – wer weiß, ob ich das ohne die erzwungene „Ausbremsung“ aus dem gewohnten Alltag in Angriff genommen hätte. Dennoch kann ich es – wie sicherlich alle anderen – kaum erwarten, dass langsam aber sicher wieder Normalität einkehrt.“


Ishan (39), Untereisesheim

Talkbox 0421 - Ishan

„Als Familienvater ist es schwierig, in dieser Zeit nur an sich zu denken. Man versucht, jeden Tag das Beste aus der Situation zu machen. Vor allem, wenn beide Elternteile trotz Lockdown arbeiten müssen, versucht man es dem Kind so einfach wie möglich zu machen. Durch die Winterzeit war es eine große Herausforderung, weil Aktivitäten wie Fahrradtouren, Bolzplatz und so weiter meinem Sohn und mir sehr fehlten, ganz zu schweigen von den sozialen Kontakten. Man kann von der Corona-Lage halten was man will, am Ende des Tages zählen für mich die mentale Verfassung meiner Familie und dass der FC Bayern gewinnt!“


[SC]