Verstehen durch Vergangenheit

Pauline Hatscher: Über vier Leben (Rezension)

„Über vier Leben“ von Pauline Hatscher

Mirabell ist einsam. Seit sie ihre Schwierigkeiten, in der neuen Stadt anzukommen, nicht mehr auf die Pandemie schieben kann, versucht sie in der Therapie den Grund für ihre Verzagtheit zu finden. Dafür wirft sie einen Blick auf die Leben ihrer Mutter, Großmutter und Urgroßmutter.

Pauline Hatscher erzählt nicht einfach die Geschichten vierer Generationen, sie lässt ihre Protagonistin den Versuch machen. Die 25-jährige Mirabell befindet sich nach dem Studium in einem Vakuum: Der Bewerbungsprozess läuft schleppend, sie wünscht sich Nähe und Perspektive, glaubt aber nicht daran, sie finden zu können. Um ihren Stillstand besser zu verstehen, beginnt sie, die Gefühlswelten der Frauen in ihrer Familie zu rekonstruieren. Ihre Mutter Sabine beugt sich seit Jahren den Launen des Vaters, der mal liebevoll interessiert, mal bedrohlich abweisend ist. Großmutter Lisa kämpft zwischen Bleichmittel und Staubwedel in den 1960ern mit Depressionen und der Eröffnung, nicht das leibliche Kind der schroffen Erna zu sein. Urgroßmutter Hannchen träumt davon, dem Kohlengeschäft ihrer Eltern zu entkommen – bis ein Tanz mit einem Fremden zur Katastrophe führt und ihr Schicksal totgeschwiegen wird.

Drei Frauen, die stumm unter den Stigmata ihrer Zeit litten, und eine, die endlich Worte für ihr Innerstes findet: Hatschers Debütroman illustriert in lebendiger Sprache, wie die, die vor uns kamen, in uns weiterleben. Mirabell füllt die Lücken in ihrer Familienhistorie mit Fiktion, um alte Wunden zu versorgen, die zuvor mit Schweigen geflickt worden waren. Dabei übertragen sich ihre eigenen Gefühle der Isolation vielleicht etwas zu großzügig auf die Geschichten Sabines, Lisas und Hannchens. Doch Mirabell schenkt ihren Vorfahrinnen eine Stimme – und scheint so endlich die eigene zu finden.

Pauline Hatscher studierte Kulturwissenschaften und Bildungswissenschaft und promoviert in der qualitativen Sozialforschung. „Über vier Leben“ ist ihr erster Roman, der am 14.07.2026 im Eichborn Verlag erschien.

Text: Dana Wedowski