Wie der Schwan das Fliegen lernte

Jung Chan: Fliegt, wilde Schwäne (2026, Heine Verlag)

„Fliegt, wilde Schwäne – Über China, meine Mutter und mich“ von Jung Chang

Vor über 30 Jahren erzählte Jung Chang in ihrem Buch „Wilde Schwäne“ die Geschichten ihrer Mutter und Großmutter. Diese spannen sich von der Kaiserzeit über die Herrschaft Mao Zedongs bis hin zu dessen Tod. In der Fortsetzung gibt sie nun tiefere Einblicke in ihre eigene Jugend zu Zeiten der Kulturrevolution, ihren Neuanfang in Großbritannien und wie sie zu einer wichtigen Chronistin der Volksrepublik Chinas wurde – was nicht ohne Konsequenzen blieb.

In ruhiger, anschaulicher Sprache zeigt Jung Chang uns ihr Heimatland durch ihre Augen: Ein Blick, der normalerweise den Bewohner*innen vorbehalten bleibt. Sie wächst unter der kommunistischen Diktatur Maos auf, während ihre Eltern zunächst hochrangige Mitglieder der Staatspartei sind. Doch nachdem sie die durch den Maoismus ausgelöste Hungersnot, die laut Chang etwa 38 Millionen Menschen das Leben kostete, offen kritisieren, erleiden die Eltern grausame Konsequenzen. Von öffentlichen Anklageversammlungen über Inhaftierungen in Arbeitslagern bis hin zu körperlicher und psychischer Misshandlung.

Nach Maos Tod kann Jung Chang als eine der ersten Chinesinnen das Land verlassen, um in England zu studieren. Von dort aus verfolgt sie die turbulente Weiterentwicklung der Volksrepublik und schreibt schließlich „Wilde Schwäne“. Das Buch steigt in den 1990ern zum Beststeller auf, in China wird es verboten. Unter im Laufe der Zeit immer intensiver werdender Beobachtung stehend kehrt die Autorin in den darauffolgenden Jahren weiterhin in ihre Heimat zurück, um in Archiven und Interviews zu recherchieren – für eine Biografie über Mao. Die Veröffentlichung sorgt für Furore, als das Ausmaß Maos kommunistischer Diktatur weltbekannt wird. Denn erstmals kommen sowohl Vertraute als auch Feinde Maos persönlich zu Wort.

Mehr als fordernde Lektüre

Was zunächst vielleicht durch die schiere Masse an Einblicken in ein von politischem Chaos geprägtes Land wie eine fordernde Lektüre scheint, ist viel mehr als das. Es ist ein bewegendes Zeugnis familiärer Liebe, wenn Chang von ihrer kürzlich verstorbenen Mutter erzählt, die sie schon Jahre vor ihrem Tod nicht mehr besuchen konnte – aufgrund ihrer Bücher, die zu schreiben ihre Mutter sie stets ermutigte. Es ist ein Beweis dafür, dass selbst lebenslange Indoktrination nicht immer stärker ist als Empathie und das Streben nach intellektueller Freiheit. Und nicht zuletzt ist „Fliegt, wilde Schwäne“ die Geschichte einer Frau, die sich trotz der widrigsten Umstände ein selbstbestimmtes Leben erkämpft hat. Und die nie aufhört, ihre Stimme für die Suche nach der Wahrheit einzusetzen.

Jung Chang ist seit ihrem Bestsellererfolg „Wilde Schwäne“ weltbekannt und dokumentiert in weiteren preisgekrönten Büchern relevante Figuren der chinesischen Geschichte. Für ihre literarischen Leistungen erhielt sie den Titel „Commander of the Order of the British Empire“. „Fliegt, wilde Schwäne“ erschien am 13.05.2026 im Heyne Verlag.

Text: Dana Wedowski