„Bei meiner Arbeit nehme ich mindestens genauso viel mit wie die Kinder“

WERKtag: Nina Kratz

Nina Kratz im Interview über WERKtag

Der eigenen Kreativität freien Lauf lassen, das können Kindern – und im Herzen Kind gebliebene jeden Alters – bei WERKtag in Gundelsheim. Gründerin Nina Kratz verrät uns mehr über das Konzept der offenen Kunstwerkstatt.

„Ich war schon seit ich denken kann eine Bastlerin“

Nina, erinnerst du dich an das erste Werk, das du selbst gemacht hast?
Ich war schon seit ich denken kann eine „Bastlerin“. Allerdings nicht unter rein ästhetischen Gesichtspunkten, sondern eher im Entwickeln und Tüfteln. So hatte ich schon früh Ideen von Erfindungen im Kopf, die einen Zweck erfüllen sollten. Mein Vater nahm diese Ideen immer ernst und unterstützte und begleitete mich bei der Umsetzung an seiner Werkbank. So baute ich mit ihm zum Beispiel ein „Fahrrad-Taxi“: Ein durch eine Plane überdachtes Fahrrad, mit Sitz auf dem Gepäckträger für potentielle Kund:innen unserer Nachbarschaft, die ich damit durch die Gegend kutschiert habe. Die Erfindungen waren meist ausdifferenziert, bis ins letzte Detail. So gab es eine Hupe, eine Kasse und einen Anschnallgurt.

Gibt es bestimmte Inspirationen, die dein eigenes kreatives Verständnis geformt haben?
Mein kunstpädagogisches Verständnis hat sich vor allem während meines Studiums an der PH Karlsruhe geformt. Hier lernten wir zahlreiche kunstpädagogische Strömungen kennen. Das Kunstpädagogische Konzept der Künstlerischen Bildung hatte und hat für meine Arbeit einen sehr großen Stellenwert. Die Künstlerische Bildung geht gegenüber klassischen, vielleicht auch elitären Positionen – wie „Kunst kommt von Können“ – von einem gänzlich anderen Verständnis aus. Eben dass jeder Mensch Künstler sein kann und gestaltet. Nicht nur in unter bildnerisch-ästhetisch verstandenen Gesichtspunkten, sondern vielleicht auch in pädagogischen, politisch, gesellschaftlichen Kontexten. Ebenso hat mich in meinem kunstpädagogischen Verständnis das Konzept der WERKstatt-Kunst maßgelblich geprägt.

„Es gibt keine vorgefertigten Lösungen, wie etwas auszusehen hat“

Was ist das denn?
Hier stehen der Raum und das Material im Fokus, die auf den oder die Tüftler:in einwirkt – wie damals in der Werkstatt meines Vaters. Der Raum agiert somit als „Erzieher:in“, er ist vorberietet mit einer Art Materialtheke. Unterschiedlichste Materialien wie Stoffe, Holz, Papiere, Kartonagen sind frei verfügbar. Farben und Pinsel aber auch Werkzeuge wie Sägen, Hammer, Handbohrer, Heißklebepistolen werden zur Verfügung gestellt. Das Angebot fordert heraus, darf aber nicht überfordern. Dabei ist es wichtig, dass je nach Alter und Tüftler:in ein passendes Angebot geschaffen wird. Die Pädagogin hält sich im Hintergrund, begleitet und unterstützt oder kann Impulse geben. So verstehe auch ich meine Rolle im WERKtag. Es gibt keine vorgefertigten Lösungen, wie etwas auszusehen hat. Ich begleite und biete vor allem den Raum, das Material und die Zeit, sich in einem ästhetisch-künstlerischen Prozess zu verlieren. Den verstehe ich als Selbstzweck zur Persönlichkeitsbildung, nicht um „fertige Produkte“ herzustellen oder eine Art „Mal-Anleitung“ zu geben.

Bevor du dich selbstständig gemacht hast, warst du ja Lernbegleiterin an einer Gemeinschaftsschule. Wie unterscheidet sich die Arbeit in der eigenen Kunstwerkstatt für dich davon?
Organisatorisch natürlich sehr: Ich bin nun selbst für Angebote und den zeitlichen Rahmen verantwortlich – was auch familienorganisatorisch einfacher zu handlen ist mit zwei kleinen Kindern. Ich kann mir die Arbeitszeit selbst einteilen und gestalten. Ebenso habe ich keinen Bildungsplan, Notendruck, Bewertung im Rücken. Tüftler:innen kommen freiwillig zu mir 🙂 Aber ich habe mich auch als Pädagogin in der Schule als Begleiterin von Lernprozessen verstanden und habe sehr gerne mit den Kindern in der Schule gearbeitet. Mit der „klassischen“ Lehrer:innenrolle habe ich mich noch nie identifiziert, kam deshalb immer wieder auch in innere Konflikte, vor allem bei Lernprozessen die ich bewerten musste. Oft auch schlecht, obwohl das Kind einen für sich großen Schritt getan hatte. Zudem hat mich die Masse an Inhalten, die bereits in der Grundschule vermittelt werden sollte, ins Grübeln gebracht.

„Dass ich irgendwann mal eine eigene Kunstwerkstatt gründen möchte, war klar“

Wie kam es dann, dass du WERKtag gegründet hast?
Schon während des Studiums habe ich mit einer Kommilitonin und engsten Freundin eine Versuchs-Kunstwerkstatt an der PH geleitet. Hier kamen von der Grundschule nebenan einmal wöchentlich Kinder zum Werkeln. Dabei konnte ich die ersten praktischen Erfahrungen mit dem Konzept sammeln. Auch haben wir nach dem Studium derartige Angebote an Schulen initiiert und etwas „Taschengeld“ verdient. Dass ich irgendwann mal eine eigene Werkstatt gründen möchte, war klar. Nach den ersten Erfahrungen in der Schule als Kunstpädagogin wuchs der Wunsch nach etwas Eigenem. Als ich dann durch die Geburt unseres Sohnes in meiner ersten Elternzeit war, haben mein Mann Flo und ich den Schritt gewagt und den Raum in Gundelsheim angemietet. Flo war mein Berater und Unterstützer. Gemeinsam haben wir das Konzept von WERKtag entwickelt und sind Stück für Stück gewachsen. Ohne seine Unterstützung wäre ich mit Werktag nicht, wo ich jetzt bin.

„Das gemeinsame Tüfteln und Erfinden hat im WERKstat-Konzept einen großen Stellenwert“

Warum ist es wichtig, dass vor allem Kinder mit Kunst und Kreativität in Berührung kommen?
Oftmals stehen wir während des WERKelns vor kleinen Fragen und Herausforderungen, die die Kinder ganz natürlich im Gespräch gelöst bekommen. Sie unterstützen und beraten sich und das ganz ohne die Hilfe eines Erwachsenen. Lediglich durch das Setting. Es finden Gespräche statt, über Räder, die sich auch festgeklebt noch drehen müssen, Flügel, die beweglich sein sollen und Luftballone, die ihre Luft niemals verlieren dürfen. Das sind Momente, in denen ich spüre, wie wichtig und wertvoll es ist, Kinder in ihren ästhetischen Prozessen zu begleiten. Und in denen mir deutlich wird, welches Entwicklungspotential im künstlerischen Arbeiten steckt. Es entstehen ECHTE Fragen.

Das gemeinsame Tüfteln und Erfinden hat im WERKstatt-Konzept einen großen Stellenwert und bietet eine riesige Chance, Kinder im kreativen Denken und Handeln zu fördern. Meiner Meinung nach ist das für das Leben in unserer komplexen Welt die wichtigste Kompetenz, die ein Mensch benötigt: Kreatives Denken und Handeln. Eine Problemlösekompetenz, die es mir ermöglicht, beweglich zu bleiben – offen und interessiert auf Situationen zuzugehen. Die Kunst ermöglicht uns das. Im eigenen Tun aber auch in der Auseinandersetzung mit anderen. Das Schöne an der Arbeit im WERKtag ist, dass ich mindestens genauso viel mitnehme wie die Kinder.

Welche Rolle spielt das Thema Inklusion in deiner Arbeit?
Da sich mein Angebot natürlich differenziert, ist WERKtag für alle Menschen. Wir haben selbst einen Sohn im Autismus-Spektrum, der es liebt zu tüfteln und zu erfinden. Teilhabe von allen Menschen ist mir sehr wichtig!

Hast du bestimmte Ziele oder Wünsche für die Zukunft, die du gerne verwirklichen würdest?
Ich würde gerne in ein Kurssystem einsteigen. Regelmäßige Kurse auch unter der Woche, damit die Teilnehmenden in einen kontinuierlichen und intensiven künstlerischen Prozess eintauchen können. Firmen-Events sind für mich ein neues und spannendes Feld, bei denen ich für die Umsetzung von kreativen Konzepten und Workshops gebucht werde.

Interview: Florian Deckert | Fotos: Nina Kratz / WERKtag

WERKTtag

Tiefenbacher Straße 1
74831 Gundelsheim

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