Generationenfrage: Haben junge Leute das Feiern verlernt?

Generationenfrage: Haben junge Leute das Feiern verlernt?
Fotos: Michael Discenza / Sergi Dolcet Escrig auf Unsplash

Eine Spurensuche zwischen Wertewandel, Digitalisierung und Geldsorgen

Frühere Generationen – also die, die heute 40 und älter sind – haben früher Party bis zum Filmriss gemacht, sind auf der Couch oder in irgendeiner Hecke eingeschlafen und zum nächsten Wochenende ging das Ganze wieder von vorne los. Die jüngeren Generationen sind da scheinbar zurückhaltender. Der Trend geht auch in Heilbronn zu Konzepten wie Morning- oder Day-Party, während die klassischen Clubs zu knapsen haben. Aber warum ist das eigentlich so? Wir haben uns umgehört und versuchen, der Sache auf den Grund zu gehen.

“Wir müssen versuchen, den jungen Menschen entgegenzukommen”

Ich sehe keine Verschiebung der Werte. Die junge Generation will genauso wie wir damals – oder auch wie wir heute noch – eine gute Zeit haben, Leute kennenlernen und Spaß haben. Allerdings haben sich die Möglichkeiten auch sehr verändert. Durch die Corona-Zeit haben viele das „Ausgehen“ gar nicht erst für sich entdeckt. Sie haben sich andere Wege gesucht, um sich zu connecten und sind auch nach dieser Zeit noch dabeigeblieben.

Dazu kommt noch der finanzielle Aspekt. Es ist heutzutage sehr viel leichter, sein Geld auszugeben als zu damaligen Zeiten. Mit einem Klick bestellt man sich alles was das Herz begehrt, Essen, Klamotten oder in Großstädten sogar illegale Substanzen. Da ist es dann oft auch günstiger, sich zu Hause zu treffen, um dort eine schöne Zeit zu haben oder eine Party zu feiern. Die Eintritte und Getränkepreise in den Clubs sind wesentlich höher, sodass sich die jungen Leute gezielt ihre Party raussuchen, mit ihren Lieblings-DJs, mit ihrer Crew. Durch Social Media entstehen schneller Trends. Ob es nun Sober-, Kinky- oder Day-Drinking-Partys sind. Der Gedanke, seinen lokalen Club zu unterstützen, ist in den Hintergrund geraten. Die Künstler stehen oft im Vordergrund. Leider haben kleinere Clubs den Nachteil, sich die sehr hohen Gagen für die gehypten Acts nicht leisten zu können und haben natürlich mehr zu knabbern.

Aber man darf nicht aufgeben. Mit dem Aufbau einer Community kann man die Generation auch wieder „erziehen“, dass auch der lokale Künstler im lokalen Club dir einen schönen Abend bereitet. Man sollte sich trotzdem auch an die neue Generation anpassen. Wir müssen versuchen, den jungen Menschen entgegenzukommen, sie zu verstehen und uns nicht wie „Boomer“ aufführen. „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“ passt da ganz gut. Nichtsdestotrotz sollten wir nicht alles über Bord werfen, was aus „unserer“ Zeit kommt. Mit einer gesunden Mischung wird sich auch wieder eine Mitte finden, in der sich alle treffen.

„Das geringe Einkommen lässt es schwer zu, an Wochenenden auf den Putz zu hauen“

Eine gute Zeit bedeutet für viele junge Menschen heute nicht mehr Party (Exzess), sondern Sicherheit, Verbindung, Rückzug und eine stabile Internetverbindung. Die heutige junge Generation ist im Dauervergleich über Social Media, Leistungsdruck (Schule, Körper, Erfolg, Sichtbarkeit). Früher war der Reiz für die Jugendlichen an Wochenenden Partys zu feiern die Flucht von Zuhause – Freunde treffen, gute Musik und Geselligkeit. Heute hast du alles in einem, auf Social Media – auf deinem Smartphone.

Globale Krisen wie die Pandemie, Krieg und die allgemeinen politischen Unsicherheiten, haben natürlich auch bei den Jugendlichen zur inneren Unzufriedenheit und Rückzug geführt, es ist ein neuer Fokus auf Vernetzung / Community entstanden, auch auf das Selbstbild und Selbstbewusstsein.

Eindeutig: Social Media ersetzt bei vielen noch das „Rausgehen“! Früher war der Treffpunkt der Club, Begegnungen waren real, ungefiltert und spontan. Heute findet Zugehörigkeit online statt – Dopamin kommt über Likes, Reels und Chats. Viele junge Menschen verbringen Zeit und Geld heute eher in urbanen Food-Spots und modernen Streetfood-Konzepten – diese Orte ersetzen für viele das, was früher der Club war. Die finanziellen Mittel, das geringe Einkommen lässt es schwer zu, an Wochenenden auf den Putz zu hauen, da die materiellen Anschaffungen für die Sichtbarkeit eine enorme Wichtigkeit an den Tag legen.

Wir alle spüren, wie alles schnelllebiger und wie wechselhaft die Zeit geworden ist. Daher ist es vor allem für Club- und Barbesitzer wichtig, aufmerksam in einen attraktiven und starken Social-Media Auftritt zu investieren.

„Der finanzielle Aspekt ist ein valider Punkt, kein Geld für Getränke auszugeben“

Was es heißt, eine gute Zeit zu haben, ist für jeden natürlich etwas ganz Eigenes. Ich habe die beste Zeit, wenn ich Menschen um mich habe, die mir guttun und mit denen ich Spaß haben kann. Ob das jetzt gemütlich zu Hause ist oder nachts um 3 Uhr in irgendeinem Club oder einer Bar, ist mir dabei völlig egal. Ich lege Wert auf die Menschen, mit denen ich das erlebe. Bleibt man informiert und gewissenhaft, so sehe ich keinen Grund, nicht weiterhin unbeschwert Feiern zu gehen und eine gute Zeit zu haben. Was wichtig ist, ist auch als junger Mensch zu wissen, wo man politisch steht und fleißig wählen zu gehen.

Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, mit einem Freundeskreis voller Studenten, dass der finanzielle Aspekt ein sehr valider Punkt ist, um beim Feiern oder Barhopping kein Geld für Getränke auszugeben. Ebenso stellen viel mehr junger Leute in meinem Umfeld den Gesundheitsaspekt öfter an erste Stelle und da reduziert man dann vor allem den Alkoholkonsum. Wie die Zukunft aussieht, weiß ich nicht. Was ich ganz klar sagen kann ist, dass ich noch nicht genug habe und weiterhin die Clubs und Bars meiner Umgebung besuchen werde.

„Die 90er und 2000er Jahre waren wild und von wenig Ängsten und Sorgen geprägt“

Mit Sicherheit gab es die Verschiebung der Werte, aber das ist völlig normal. Jede Generation schaut sich von der vorherigen etwas ab und verändert es nach ihren Bedürfnissen. Während beispielsweise in den 1950er Jahren die finanzielle Absicherung der Familie im Fokus stand und daraus die für die damalige Zeit typische Biedermann-Bewegung entstand, mutierte die darauffolgende Generation zu Hippies und Freigeistern. Dasselbe geschieht meiner Meinung nach zum jetzigen Zeitpunkt. Die 90er und 2000er Jahre waren wild und von wenig Ängsten und Sorgen geprägt. Alles war im Fließen, die politische Rollenverteilung klar aufgestellt. Heute haben wir eine instabilere Phase, die auch von den jungen Leuten wahrgenommen wird.

Ich denke, dass es heutzutage viel mehr Möglichkeiten gibt, sich von den ernüchternden Ereignissen dieser Welt abzulenken. Zudem muss man nicht mehr jedes Wochenende in die Bars und Clubs gehen, um andere Leute kennenzulernen, weil es dafür andere Plattformen gibt. Es liegt auf keinen Fall daran, dass die jungen Leute weniger Geld haben als wir damals. Im Gegenteil, die jetzige Generation profitiert teilweise vom Wohlstand der Eltern und Großeltern, steigt schon früh in Führungspositionen auf oder arbeitet für große internationale Konzerne. Aber das verfügbare Geld wird anderes verteilt, denn jeder Streamingdienst kostet Geld und jede E-Scooter-Fahrt ebenfalls. Da bleibt einfach am Ende vom Monat nicht mehr so viel übrig.

Zudem leben junge Menschen heutzutage bewusster und interessieren sich zum Beispiel tatsächlich für die Inhaltsstoffe ihrer Getränke. Ganz im Gegenteil zu meiner Generation. Wir haben uns in den 90er einfach alles reingekippt, Hauptsache es hat geballert. Die meisten Veranstalter haben sich bereits auf die Veränderungen eingestellt. Wenn man sich die Programme der Clubs anschaut, kann man eine immens große Vielfalt an Konzepten feststellen, die nicht in Richtung exzessives Feiern gehen. Ich bin mir aber sicher, dass auch das irgendwann mal überholt wird von einer neuen Generation, die es dann wieder anders machen wird als die jetzige.

„Was ist das, was so stark ist, dass man es nicht digitalisieren kann?“

In jeder Generation gibt es eine Veränderung der Werte und der Ziele. Die letzten 20 Jahre, sind dabei ein spannender Zeitrahmen, weil eine soziologische Generation – im Unterschied zu einer biologischen – genau diesen Zeitraum abdeckt. Und wenn man sich diese 20 Jahre anschaut, sieht man, wie massiv sich Dinge verändern können.

Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass im Unterschied zu unserer Zeit, in der Besitz unglaublich wichtig war, heute das Thema Sharing einen ganz anderen Stellenwert hat – etwa beim Auto. Auch das Thema Nachhaltigkeit, das für uns präsent war, ist heute ein zentraler Kernpunkt der Identität geworden.

Die Work-Life-Balance ist ein weiterer Punkt, der sich stark verschoben hat. Als wir 18 waren, gab es eine ganz klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit. Heute geht es viel stärker um Vereinbarkeit. Und ich finde, dass sich durch die Digitalisierung generell verändert hat, wie wir reden, wie wir kommunizieren und wie wir Werte ausdrücken. Was für uns ein Ausnahmezustand war, ist für viele heute Normalität. Dazu kommt ein starkes Unsicherheitsgefühl, das auf diese Werte einzahlt. Globale Krisen, politische Instabilität, wirtschaftliche Fragen – all das führt dazu, dass Sicherheit und das Gefühl von „zu Hause“ einen völlig neuen Stellenwert bekommen haben. Und das ist ein zentraler Punkt, wenn wir darüber sprechen, warum sich auch die Clublandschaft verändert.

Diese Verschiebung der Werte ist dabei – und den Fehler darf man nicht machen – weder gut noch schlecht. Sie ist einfach eine Veränderung. So wie es auch Veränderungen zur Generation vor uns gab und wie es sie zur Generation nach der jetzigen geben wird. Die Werte der 70er und 80er waren andere als die der 90er und 2000er, und sie waren wiederum andere als unsere. Das ist ein ganz natürlicher Ablauf. Und soziale Räume – zu denen Clubs ganz klar gehören – verändern sich immer mit der Zeit und mit den Werten der Generation, die sie nutzt.

„Die aktuelle Generation erachtet den Filmriss nicht mehr als erstrebenswertes Ziel“

Eine dieser Veränderungen ist der deutlich stärkere Fokus auf Gesundheit. Das sieht man ganz konkret: Fitness-Tracker gehören heute zum Alltag, alkoholfreie Drinks sind selbstverständlich geworden und mentale Gesundheit ist ein Gesprächsthema – offen, öffentlich und ohne Tabu. Ein sehr positiver Aspekt dabei ist, dass die aktuelle Generation weniger Alkohol und weniger Tabak konsumiert, als wir es getan haben, und dass sie eben nicht mehr den Filmriss als erstrebenswertes Ziel betrachtet.

Wie die Zukunft aussieht, weiß niemand. Aber Veränderungen gab es in unserer Gesellschaft schon immer. Mein Lieblingsbeispiel ist die Kegelbahn. In den 70er Jahren war sie ein zentraler sozialer Treffpunkt. Jede Kneipe hatte eine, es gab unzählige Kegelclubs. Heute fällt mir vielleicht noch eine einzige ein – und kaum jemand geht noch kegeln.

Auch der Club verliert durch die Digitalisierung viele der Gründe, die es vor 20 Jahren gebraucht hat, um dorthin zu gehen: die neueste Musik hören, sich selbst präsentieren, Zugehörigkeit erleben, andere Menschen kennenlernen. All diese Dinge haben sich zum großen Teil vom Club hin zum Handy verschoben.

Und genau daraus ergibt sich die entscheidende Frage: Was ist der Punkt, weshalb es Clubs – jenseits von Nostalgie und guten Erinnerungen – auch in Zukunft geben wird? Was ist das, was so stark ist, dass man es nicht digitalisieren kann?

Redaktion: Frank Nova