Festivalkuratorin Dr. Mirjam Meuser über Science & Theatre 2025
Bereits zum vierten Mal kooperieren experimenta und Theater Heilbronn für das „Science & Theatre“-Festival. Vom 19. bis 23. November die beiden Institutionen dabei Wissenschaft und Theater in den Dialog. Die diesjährige Ausgabe steht unter dem Motto „Maschinenträume“ und beschäftigt sich kontrovers mit dem Thema Emotionale KI. Wir haben Festivalkuratorin Dr. Mirjam Meuser gefragt, was es damit auf sich hat.
Theater in einem anderen Kontext erleben
Frau Meuser, was macht die Zusammenarbeit mit der experimenta für Sie als Dramaturgin aus?
Die Kooperation mit der experimenta ist für mich eine große Bereicherung. Ich schätze den Austausch auf der inhaltlichen Ebene sehr – wobei ich besonders die produktive Zusammenarbeit in der Jury im Rahmen des angeschlossenen Dramenwettbewerbs hervorheben möchte –, aber auch die Zusammenarbeit im ganz praktischen Sinne: Die experimenta steuert mit dem Science Dome, aber auch mit dem Kubus, zwei Spielstätten bei, die aufgrund der besonderen Atmosphäre und technischen Möglichkeiten für die Realisierung von Theaterprojekten beziehungsweise als Gastspielorte etwas Einmaliges haben. Das sagen auch die zum Festival eingeladenen Kompanien, die immer sehr begeistert sind. Und auch das Publikum hat hier die Chance, Theater in einem anderen Kontext zu erleben, die Perspektive zu wechseln und sich auf Experimente einzulassen. Zudem unterstützt uns in der experimenta ein tolles Team, mit dem die Zusammenarbeit sehr professionell abläuft und viel Spaß macht.
Was ist eigentlich emotionale KI?
Die diesjährige Ausgabe des Festivals steht unter dem Motto „Maschinenträume“ und beschäftigt sich unter anderem mit „emotionaler KI“. Wie ist das Thema entstanden?
Der Idee zum Thema „Maschinenträume“ kam mir, nachdem ich die Produktion „REPLIK_A“ von der Stuttgarter Gruppe Meinhardt & Krauss gesehen hatte. Hier trifft ein Tänzer unter anderem auf einen KI-gesteuerten Doppelgänger – und zwar so, dass im Verlauf des Theaterabends nicht mehr klar ist, wer hier eigentlich von wem träumt: Der Mensch von einer Maschine, die seine begrenzten Fähigkeiten bis ins Gottgleiche steigern kann, oder die Maschine davon, mit dem Menschen gleichzuziehen, also sich mit ihm auch im Bereich des emotionalen und künstlerischen Ausdrucks zu messen. Mir gefällt der Titel sehr, weil er die Ambivalenz des Verhältnisses Mensch–Maschine gut aufhebt und gleichzeitig provokant die Frage stellt, ob Maschinen tatsächlich träumen können und was der Wunsch nach einem emotionalen Kontakt mit der Maschine über ihren Schöpfer verrät.

Die Frage, ob es Emotionen in KI-Modellen gibt, ist auch in der Wissenschaft noch relativ neu und kontrovers. Welchen Beitrag kann die Kunst zu dieser Diskussion leisten?
Die Frage, ob eine KI Emotionen besitzt, hat letztlich keine Relevanz, da es sich bei Künstlicher Intelligenz ja nur um ein, wenn auch sehr aufgefeiltes Sprachmodell handelt, das Worte nach Wahrscheinlichkeitsberechnungen aneinanderfügt. Auch wenn die Interaktion mit KI in vielerlei Hinsicht faszinierend ist, sind ihre vermeintlichen Emotionen doch bloße Simulation, besteht ihr Horizont letztlich nur aus Trainingsdaten, die variabel kombiniert werden. Kunst kann diesbezüglich vor allem Fragen stellen, auch provokante Fragen, die auf unsere „Maschinenträume“ im weitesten Sinne zielen. Warum wünschen wir uns Maschinen, die mit uns emotional interagieren, uns das menschliche Gegenüber, geliebte Verstorbene, mangelnde Freundschaft, Liebe und Sexualität ersetzen? Warum sind wir mit unserer menschlichen Gemeinschaft so unzufrieden, dass wir sie durch Maschinen ersetzen wollen?
Der Reiz des Überraschenden
Insbesondere unter Kreativschaffenden gibt es die Bedenken, das Künstliche Intelligenz ihre Branche nicht nur verändert, sondern zunehmend auch Menschen aus ihrem Beruf verdrängt. Gibt es diese Sorgen auch am Theater?
Für den Beruf des Schauspielers bedeutet KI tatsächlich eine Herausforderung, da es inzwischen bereits Möglichkeiten gibt, KI-Modelle mit den Daten von Schauspielern (Stimme, Bewegungsmuster etc.) zu trainieren und damit Avatare zu generieren, die in Hörbücher oder Filme einfach hineinprogrammiert werden. Auch im Theater gibt es inzwischen Versuche der Interaktion mit KI auf und auch hinter der Bühne. Ob sich das allerdings durchsetzen wird, jenseits des Experiments, halte ich noch für fraglich.

Ich kann mich des Eindrucks einer gewissen Glätte und Ausrechenbarkeit dieser Modelle und ihrer Produkte nicht erwehren. Es ist aber doch das Raue, das Überraschende, das menschliche Interaktion ausmacht, gerade auch in der Kunst. Der Reiz des Theaters und die Vorteile der KI widersprechen sich in meinen Augen daher fundamental.
Highlights bei Science & Theatre 2025
Gibt es einen Programmpunkt beim diesjährigen Festival, auf den Sie sich persönlich ganz besonders freuen?
Das Programm der diesjährigen Festivalausgabe ist so vielfältig, dass es mir tatsächlich schwerfällt, mich da festzulegen. Selbstverständlich freue ich mich sehr auf die Deutschsprachige Erstaufführung von Laurent Gaudés „Die letzte Nacht der Welt“, das Gewinnerstück des letzten Dramenwettbewerbs, mit dem wir das Festival im Science Dome eröffnen werden. Aber auch die Gastspiele haben viel technisch und ästhetisch Innovatives zu bieten, das so in Deutschland noch nicht zu sehen war: Da ist neben „REPLIK_A“ etwa die irische Kultgruppe Dead Centre mit ihrem beeindruckenden VR-Projekt „To Be a Machine (Version 2.0)“ zu Gast.
Außerdem zeigen wir die KI-gesteuerte Performance-Installation „LILITH.AEON“ der Gruppe AΦE aus Großbritannien, die ein verstorbenes Kind wieder zum Leben erweckt, mit dem die Besucher interagieren können. Ich denke, uns ist in diesem Jahr ein guter Überblick über die derzeit innovativsten Projekte im Theaterbereich gelungen, der den besonderen Reiz des Festivals ausmachen wird.
Interview: Florian Deckert
www.science-theatre-festival.de










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