Dr. Lucia Teuscher über das Reallabor Heilbronn der Initiative Zukunftsbildung
Unsere Welt befindet sich stetig im Wandel und wird komplexer. Damit sich künftige Generationen in ihr zurechtfinden, braucht es neue Bildungskonzepte, die bereits ab Kita und Grundschule greifen. Wie diese aussehen können, erforscht die Initiative Zukunftsbildung (IZB) unter anderem im Reallabor Heilbronn. Das regionale Netzwerk besteht aus 15 Kindertageseinrichtungen und 15 Grundschulen. Wie das Projekt funktioniert, hat uns Standort-Leitung Dr. Lucia Teuscher erklärt.
Kompetenzen für eine Welt im Wandel
Um mal zu versuchen, die Welt mal aus Kinderaugen zu sehen: Was ist das Besondere am Alltag von Kita bis Grundschule, wenn diese zum Reallabor der IZB gehören?
In unseren Reallaboren stehen die Kinder und ihre Sichtweisen konsequent im Mittelpunkt. Wir fragen: Wie können Kinder aktiv an Entscheidungen und Abläufen in ihrer Kita oder Schule beteiligt werden? Pädagogische Fachkräfte nehmen ihre Bedürfnisse ernst, hören zu und gestalten den Alltag gemeinsam mit ihnen. Damit schaffen wir Räume, in denen Kinder zentrale Zukunftskompetenzen entwickeln können – etwa Selbstwirksamkeit, Kommunikations- und Problemlösefähigkeit, Empathie und die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Sie erleben im Alltag, dass ihre Meinung zählt und dass sie Dinge bewirken können. Ziel der IZB ist, dass Kinder das Bildungssystem mit Zuversicht verlassen: mit dem Gefühl „Ich kann das!“ und „Ich bin wichtig und genau richtig, so wie ich bin.“
Welche Forschungsfragen stehen für euch innerhalb des Reallabors besonders im Fokus?
Im Zentrum steht für uns die Frage, welche Faktoren und Vorgehensweisen eine wirklich zukunftsfähige Bildung stärken. Welche Bedingungen brauchen Kinder, um Kompetenzen für eine komplexe, sich wandelnde Welt entwickeln zu können? Die konkreten thematischen Schwerpunkte erarbeiten wir im Sinne einer echten Praxis-Wissenschafts-Partnerschaft gemeinsam mit den Einrichtungen – orientiert an ihrem Alltag, ihren Erfahrungen und den Bedürfnissen der Kinder.
Jede Einrichtung innerhalb des Projekts soll eine eigene Vision formulieren. Könnt ihr dabei so etwas wie einen roten Faden erkennen, wo alle Einrichtungen innerhalb des Reallabors Heilbronn hinwollen?
Das können wir erst nach unserer nächsten Innovationswerkstatt am 3. Dezember genauer sagen. Schon jetzt zeigt sich jedoch ein gemeinsamer Kern: Alle Einrichtungen verbindet das Anliegen, Kinder so zu stärken, dass sie positiv zu einer Welt im Wandel beitragen können. Im Mittelpunkt steht dabei vor allem die Frage, wie wir Kinder in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützen und ihnen die Kompetenzen mitgeben, die sie für die Zukunft brauchen.
Dialog zwischen Fachpraxis und Wissenschaft
Das Erproben von neuen, innovativen Bildungskonzepten ist ein wichtiger Punkt des Projekts. Was sind das konkret für Konzepte?
Das hängt immer von der jeweiligen Vision der einzelnen Einrichtungen ab. Wir kommen nicht mit vorgefertigten Konzepten oder fertigen Lösungswegen ins Reallabor. Stattdessen entwickeln wir diese gemeinsam mit den beteiligten Kitas und Schulen. Wichtig ist uns dabei zweierlei: wissenschaftliche Fundierung und echte Praxistauglichkeit. Innovative Konzepte können nur im Austausch entstehen – im Dialog zwischen Fachpraxis und Wissenschaft. Dabei kann es sein, dass wir bestehende Ansätze aufgreifen, sie neu kombinieren oder gemeinsam neue Elemente entwickeln, erproben und evaluieren. So entsteht Innovation, die wirklich zum Alltag der Einrichtungen passt und von den Menschen vor Ort getragen wird.
Müssen Lehrkräfte und Betreuer*innen ihre Arbeit innerhalb des Reallabors anders machen als gewöhnlich?
Wenn alles so bleiben sollte wie bisher, müssten die Einrichtungen nicht im Reallabor mitarbeiten. Die beteiligten Kitas und Schulen bringen hochmotivierte Kolleg*innen mit, die Bildung aktiv weiterentwickeln wollen. Veränderung betrifft dabei nicht nur die pädagogischen Fach- und Lehrkräfte, aber selbstverständlich auch sie. Neue Wege zu gehen heißt immer, gewohnte Routinen zu hinterfragen, Neues auszuprobieren und gemeinsam zu reflektieren. Genau dafür bieten die Reallabore den geschützten Raum – damit Veränderung auf allen Ebenen möglich wird.

Eltern sind offen für Veränderungen im Bildungssystem
Wie reagieren Eltern und Erziehungsberechtigte darauf, dass ihr Kind eine Einrichtung besucht, die Teil eines Reallabors ist. Ich kann mir vorstellen, dass allein der Begriff manche erst mal skeptisch macht.
Wir stehen noch am Anfang des Projekts. Beim Kick-off waren Elternvertreter*innen und auch der Landeselternbeirat dabei – und dort haben wir viel Zuspruch erlebt. Viele Eltern begrüßen, dass ihre Einrichtung neue Wege gehen und sich aktiv weiterentwickeln möchte. Uns ist wichtig, Eltern frühzeitig mitzunehmen und transparent zu informieren. Deshalb wird es Anfang des kommenden Jahres eine digitale Infoveranstaltung für alle Elternvertretungen geben. Dort erläutern wir, was ein Reallabor bedeutet, wie wir arbeiten und warum diese Form der Zusammenarbeit Kindern zugutekommt.
Zudem spüren wir deutlich, dass viele Eltern Veränderungen im Bildungssystem grundsätzlich offen gegenüberstehen. Sie sehen, dass die Herausforderungen unserer Zeit andere Antworten brauchen als früher – und sie unterstützen Einrichtungen, die bereit sind, diesen Wandel aktiv mitzugestalten. Sobald klar ist, dass es im Reallabor darum geht, Kinder zu stärken und zukunftsfähige Bildung gemeinsam weiterzuentwickeln, entsteht meist schnell Vertrauen und positive Resonanz.
Was geschieht mit den Ergebnissen aus dem Reallabor Heilbronn?
Die Ergebnisse des Reallabors entfalten Wirkung auf zwei Ebenen:
1. Nutzen für die einzelnen Einrichtungen: Jede Einrichtung erhält eine passgenaue Rückspiegelung der erhobenen Daten. Diese werden gemeinsam ausgewertet und dienen direkt der individuellen Weiterentwicklung vor Ort.
2. Generalisierbare Erkenntnisse für das Bildungssystem: Darüber hinaus werden übergreifende, generalisierbare Ergebnisse identifiziert. Diese werden an relevante Stakeholder weitergegeben – insbesondere an Bildungsadministration, Bildungspolitik und Bildungspraxis auf Landes- und Bundesebene – um Impulse für systemische Weiterentwicklungen zu setzen.
Interview: Florian Deckert
Mehr Infos zum Reallabor Heilbronn
Instagram: @initiativezukunftsbildung











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