Was übrig bleibt

Jaqueline Harpmann: Ich, die ich Männer nicht kannte (Rezension)

„Ich, die ich Männer nicht kannte“ von Jaqueline Harpman

40 Frauen leben seit Jahren in einem unterirdischen Käfig, bewacht von peitschenbewaffneten Wärtern, die nie mit ihnen reden. Sie dürfen nicht weinen, sich nicht berühren, sich nicht umbringen. Eines Tages gelangt die Gruppe in Freiheit – und muss feststellen, dass der Käfig nicht das einzige Gefängnis für sie war.

Jacqueline Harpmans Roman wird aus der Perspektive der jüngsten Gefangenen erzählt, die in Ermanglung eines Namens von allen nur „die Kleine“ genannt wird. Ihr Wissen über die Welt setzt sich ausschließlich aus fragmentösen Erzählungen der anderen Frauen zusammen, die sich an die Zeit vor der Gefangenschaft nur noch verschwommen erinnern können. Wie es dazu kam, bleibt ein Geheimnis, denn die Protagonistin erfährt es nicht. Die unverhoffte Befreiung wirft nur immer weitere Fragen auf und die Gefangenen müssen sich der Überlegung stellen: Wenn es nichts Bekanntes mehr gibt, zu dem man zurückkehren kann, wofür lohnt es sich dann noch zu leben?

Harpman beleuchtet auf mitreißende, nüchtern-verstörende Art den Kern unserer Menschlichkeit. Im Käfig sind es Scham, Selbstbestimmung und räumliche Freiheit, die den Frauen entzogen werden. An der Oberfläche können sie sich diese Dinge teilweise neu zu eigen machen. Dafür stellen sie fest, dass Fortpflanzung, Seelenfrieden, Wissen und zuletzt auch Hoffnung unwiederbringlich dahin sind. Wie sie damit umgehen, was sie antreibt und verzweifeln lässt, wird von „der Kleinen“, die ohne Liebe aufwuchs, mit beklemmender Sachlichkeit illustriert. Ihr Weg ist zwar unbelastet von der Sehnsucht nach dem Früher. Doch in ihr tobt die Lust auf ein Leben, das ihr niemals vergönnt sein wird. Ein Buch, das auf eine ungeahnte Gedankenreise entführt und lange nachhallt.

Jacqueline Harpman schrieb im Laufe ihres Lebens über 15 Romane und praktizierte außerdem als Psychoanalytikerin. „Ich, die ich Männer nicht kannte“ wurde bereits 1995 veröffentlicht. 2022 erschien eine neue Übersetzung auf dem U.S. Markt. Diese gewann dank der sozialen Medien so an Popularität, dass am 14.03.2026 im Klett-Cotta Verlagauch eine deutsche Neuauflage erschien.

Text: Dana Wedowski